Wenn wir beim Thema Lernen1 sind, stellen sich sehr schnell die Fragen: „Was lernen?“, „Wie lernen?“, „Von wem?“ und vor allem „welche Lehren können aus dem Gelernten gezogen werden?“. Da wir uns in einem islamischen Kontext bewegen, lauten die Fragen analog: „Von wem kann ich etwas über den Islam erfahren?“ und „Welchen Wahrheitsgehalt haben Aussagen, die den Islam betreffen?“.

Wenn wir uns dem Islam aus der Vogelperspektive heraus nähern, dann begegnet uns im Zeitalter des Internets und der Globalisierung eine Informationsflut, wie sie die Menschheit bis dato nicht kannte. Verstärkt wird der Effekt ihrer Wahrnehmung durch die Präsenz des Islams in der öffentlichen Meinungsbildung und dessen Brisanz angesichts zahlreicher Kriege, die sowohl von islamistischer Seite aus als auch im Namen der Verteidigung westlicher Werte geführt werden.

Wenn wir alles, was vom und über den Islam gesagt wird, unter dem Begriff „Erbe“ subsumieren, indem wir alle geistigen und materiellen Errungenschaften, die die Menschen im Namen des Islams zu einem nicht zu vernachlässigenden Teil auch unter nicht-islamischen Einfluss hervorgebracht haben, als ein Erzeugnis der Menschheit und als ein Produkt bewusster, menschlicher Aktivität in aufeinanderfolgenden historischen Phasen verstehen, so stellen wir fest, dass Muslime hinsichtlich ihres Erbes keine Wahl haben. Menschliches Handeln ist bis zum Zeitpunkt seines Vollzugs im Bereich der Möglichkeiten angesiedelt, während es nach seinem Vollzug in Stein gemeisselt ist, aus dem es kein Entrinnen gibt. So vereinigen sich im islamischen Erbe alle Entscheidungen und deren Auswirkungen, die die sog. „Altvorderen“, sowie die geistigen und politischen Protagonisten in der Geschichte getroffen haben. Das Erbe ist jedoch weder eine Bürde noch das Schicksal2 des heutigen Muslims, über das er nicht hinauszuwachsen imstande ist.

Zeitgemässheit ist die bewusste Auseinandersetzung mit dem Erbe und die Selektion zeitgemässer Elemente, die mit dem heutigen Erkenntnisstand in sämtlichen Lebensbereichen entsprechen. Sie ist die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zur Entscheidungsfindung bzgl. des „Jetzt“, der die jetzige Lebenswirklichkeit als Grundlage dient. Der Begriff Zeitgemässheit ist eng verknüpft mit dem Begriff Erbe. Was beide voneinander unterscheidet, ist der jetzige Moment, auf dessen Basis Entscheidungen getroffen werden, wie mit dem Erbe umzugehen ist. So gibt es z.B. denjenigen, der diese Wahlfreiheit3 dahingehend in Anspruch nimmt, der Tradition treu zu bleiben und das Erbe weiter fortzuführen. Dann gibt es denjenigen, der dieses grundlegend kritisiert, Alternativen im Verständnis wesentlicher Begriffe vorschlägt und den Islam paradigmatisch zu verändern versucht. Bei einigen geht die Kritik so weit, dass der Islam als Ganzes in Ungnade fällt, der somit als überkommenes Gegenteil dessen angesehen wird, was heute unter dem plakativen Begriff „Errungenschaften des Westens“ angesehen wird. Dann gibt es wiederum nicht weniger Menschen, die dem Islam per se als schädlich und menschenfeindlich einstufen, was es wie ein Krebsgeschwür zu eliminieren gilt. Wenn man jedem dieser Parteien die Frage stellt, was der Islam sei, so fallen die Antworten umso unterschiedlicher aus, da jeder von ihnen einen anderen Umgang mit dem islamischen Erbe pflegt.

Geschichte lässt sich nicht ändern und wir Muslime sind nicht in der Lage, uns ein anderes Erbe ausser das, was sich tatsächlich ereignete und wir ererbten, zu verschaffen. Darum ist es an uns, die Muslime von heute, auf Basis unserer Wahlfreiheit ein Erbe für unsere Nachkommenschaft zu schaffen, dessen Wurzeln Früchte tragen, die ihnen Nutzen verschaffen und einen wissenschaftlichen und zivilisatorischen Fortschritt ermöglichen.

14:24-25 „Siehst du nicht, wie Gott ein Gleichnis von einem guten Wort prägt? Es ist wie ein guter Baum, dessen Wurzeln fest sitzen und dessen Zweige in den Himmel ragen. Er bringt seine essbaren (Früchte) zur jedem Augenblick hervor – mit der Befähigung seines Herrn. Und Gott prägt für die Menschen Gleichnisse, auf dass sie bedenken mögen.“

eigene Übersetzung

Was im Rahmen der Charakterbildung somit nicht fehlen darf, ist eine kritische Analyse althergebrachter Wertvorstellungen, eine reflektierte Übernahme des überlieferten Gedankenguts und eine bewusste Auseinandersetzung mit dessen Inhalten. Keine Entscheidung ist auch eine Entscheidung. Um in unserer heutigen Lebenswirklichkeit Anschluss zu finden und Bleibendes zu schaffen, ist es unerlässlich für sich selbst einen Weg zu finden, sich ohne Furcht oder Angst mit dem Erbe auseinanderzusetzen und für sich selbst eigene Massstäbe zu definieren. Aus Fehlern lernt man mehr, als sich davor zu scheuen, welche zu begehen.

Wir pflegen eine respektvolle, jedoch keine verherrlichende Haltung gegenüber dem Erbe. Der Koran untersagt es, das Erbe zu verabsolutieren und gewohnten Praktiken blind nachzuahmen:

23:24 „Da sagten die Oberen aus seinem Volk, die ablehnend waren: ‚Er ist nur ein menschliches Wesen wir ihr, das bestrebt ist, sich euch gegenüber einen Vorteil zu verschaffen. Und wenn Gott gewollt hätte, hätte Er wahrlich Engel herabgesandt. Wir haben von so etwas bei unseren Vorvätern nichts gehört.‘“

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43:22 „Nein! Vielmehr sagten sie: ‚Wir haben unsere Vorväter in einer bestimmten Praxis vorgefunden und auf ihren Spuren werden wir nun rechtgeleitet.‘“

eigene Übersetzung

Verfasst von Arbi D.

Fussnoten:

1 https://alrahman.ch/lerne-im-namen-deines-herrn/

2 https://alrahman.ch/projekt-karama-die-menschenwuerde-in-der-gottergebenheit/

3 https://alrahman.ch/2-artikel-du-entscheidest/

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