Die Frage nach dem kulturellen Erbe, der Zeitgemässheit und dem Koran ist mitunter eine sehr komplexe und anspruchsvolle Angelegenheit. Denn es ist oft wahrlich nicht einfach, angesichts der immensen Menge an Meinungen, Auslegungen und Interpretationen rund um den Koran und um das kulturelle, islamische Erbe Entscheidungen zu treffen, die Klarheit verschaffen und eine Stütze in der Lebensführung darstellen sollen. So fragt sich manch einer, an welchen Punkten konkret festgemacht werden kann, dass der Koran universell und für alle Zeiten und Orte gültig sein soll. Es handelt sich, ähnlich wie die Rede von der Absolutheit von Gottes Worten, um eine Aussage, die einer eingehenden Überprüfung bedarf. Als Beispiel hierfür wird folgende Stelle im Koran angeführt:

21:107 „Und Wir haben dich nur als Barmherzigkeit für die Weltenbewohner geschickt.“

eigene Übersetzung

Es gibt sicherlich viele andere Verse des Korans, für die seine Universalität resp. seine zeitlose Gültigkeit problemlos zutreffend sein kann, wenn z.B. von Gottes Güte, Seine Gerechtigkeit oder davon die Rede ist, dass jede Seele den Tod kosten wird (3:185). Ersteres ist eine Frage der Überzeugung. Jeder Mensch stellt sich mindestens einmal diese Frage. Dass der Mensch nicht ewig leben wird, steht auch in Übereinstimmung mit der Wirklichkeit und gilt ebenfalls als zeitlose Wahrheit. Ein Yuval Noah Harari mag es hier vielleicht anders sehen (vgl. „Homo Deus – Eine Geschichte von Morgen“).

Schwieriger wird es, andere Stellen im Koran mit der Lebenswirklichkeit in Einklang zu bringen. Hierbei ist nicht nur von den scheinbaren Schwächen der koranischen Botschaft die Rede, auf Grundlage derer viele zivilgesellschaftliche und politische Akteure auf vielfältige Weise und auf Kosten anderer ihren Nutzen schlagen und sich somit selbst über die Probleme anderer profilieren. Sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen, funktioniert ohnehin nur bei denjenigen, die dazu willens sind.

Aber was ist z.B. mit dem Weisen, der dem Propheten Moses (s) eine Lektion fürs Leben erteilte (18:60-82)? Was ist mit demjenigen mit den „zwei Hörnern“ (18:83-98) oder den Angehörigen des Gartens (68:17-33)? Inwiefern gibt es Schnittmengen mit dem Leben im Hier und Jetzt? Viele Menschen fühlen sich aus einem aufrichtigen Glauben heraus dazu berufen, Licht ins Dunkel in diesen Angelegenheiten bringen zu wollen. Jedoch gilt nicht selten, dass das Gegenteil von „gut“ nicht „schlecht“, sondern „gut gemeint“ ist. Was daher für den Einzelnen bleibt, ist oft eine bleibende Unschlüssigkeit aufgrund der Undurchsichtigkeit der eigens erworbenen Rechercheergebnisse und der oftmals als rätselhaft empfundenen Formulierungen, derer sich der Koran bedient. Woher weiss man, wann Aussagen über den Koran der Wahrheit entsprechen? Wann der Falschheit? Wem kann man in der Hinsicht überhaupt vertrauen, wenn man es selbst nicht besser weiss? Wie kann man sich die universelle Gültigkeit genannter Beispiele vorstellen (21:107 eingeschlossen)? Bezieht sich die Universalität auf den ganzen Koran? Auf Teile? Welche Kriterien sind ausschlaggebend? Und vor allem: Woher weiss man, ob es sich bei scheinbar allgemeingültigen Aussagen um Meinungen, Glaubensausdrücke oder um „echtes“ Wissen handelt?

Was „Wissen“ in erster Linie kennzeichnet, ist nicht der Wissensinhalt an sich. Wissen ist die subjektive Qualität von Überzeugungen eines Subjekts. Wissen verrät mehr über den Wissenden als über das Gewusste, indem auf den seelischen bzw. mentalen Zustand des Subjekts rekurriert wird. So kann festgestellt werden, inwiefern das von ihm Gewusste in subjektiver oder objektiver Hinsicht zureichend gerechtfertigt ist. Bloße Meinungen sind, wenn sie nicht auf eigenen Überzeugungen basieren und sie mit der tatsächlichen Lebenswirklichkeit nicht viel gemein haben, in der Beantwortung essenzieller Fragen nicht viel wert. Der Gottergebene, der von Gottes Gerechtigkeit und Seiner Güte überzeugt ist, findet Antworten, die nur beim Gläubigen Gehör finden, wenn sich beide paradigmatisch auf einander ähnelnde Anschauungen beziehen. Dies kann für den einzelnen Gläubigen bereits ausreichen. Schliesslich teilt er seine Überzeugungen mit Gleichgesinnten, wodurch sein eigenes Leben Sinn und Struktur bekommt. Die Konfrontation mit Nicht-Religiösen oder auch Andersgläubigen macht jedoch ein ständiges, selbstkritisches Bewusstsein notwendig. Daher sind die Antworten des Gläubigen „nur“ subjektiv gerechtfertigt, da es sich um sog. „religiöses Wissen“ handelt, bei dem es keine Garantie für eine tatsächliche Übereinstimmung mit der Lebenswirklichkeit gibt. Ihren objektiven Wahrheitsgehalt zu ermitteln, der sich an der Wirklichkeit bewährt und zu dem auch der Nicht-Religiöse einen Zugang findet, ist umso schwieriger – jedoch nicht unmöglich, wodurch wir wieder zum Anfangsbeispiel gelangen: Inwiefern ist eine objektive Bestätigung von 21:107 möglich? Wenn ein Vers universell gültig sein soll, dann müssen auch diejenigen eingeschlossen werden, die nicht dasselbe religiöse Wissen teilen.

Anders als „Wissen“ dreht sich (menschliche) „Erkenntnis“ im Wesentlichen um den Wissens- bzw. den Erkenntnisinhalt an sich. Es geht um das, was vom Menschen überhaupt gewusst werden kann. Einerseits gibt es die Welt mit allem, was in ihr vorgeht und wahrgenommen werden kann. Dazu zählt auch das kulturelle Erbe des Islams und der Koran. Andererseits gibt es das erkennende Subjekt selbst, das wahrnimmt, kategorisiert, nachdenkt, Urteile fällt und eigenverantwortlich handelt. Diese Gegenüberstellung ist Gegenstand der Erkenntnistheorie. Im einem ersten Schritt geht es um die Klärung grundlegender Begriffe, wie „Wahrheit“, „Erkenntnis“, „Erklärung“, „Wort“, „Begriff“, etc. Diese bilden ein grundlegendes Fundament für weitere Fragestellungen, wie die Frage nach dem Ursprung, dem Vermögen, der Leistungsfähigkeit und der Reichweite menschlichen Erkennens, nach der Unabhängigkeit der Lebenswirklichkeit vom erkennenden Subjekt und nach der Beschaffenheit des Erkenntnissubjekts – alles Fragen, die die Menschheit bis heute nicht abschliessend klären konnte. Es sind gleichzeitig Fragen, die auf dem ersten Blick höchst philosophisch und abgedroschen klingen, die jedoch im Grunde von essenzieller Bedeutung sind und deren Untersuchung einen enormen Effekt im Umgang mit den Fragen des Hier und Jetzt erzielen kann, da es durchaus die eine oder andere Erkenntnis im Koran geben kann, die aufhorchen lässt.1

Die Frage nach der universellen Gültigkeit koranischer Aussagen ist daher insofern zu beantworten, als dass Wege gefunden werden müssen, wie koranische Inhalte mit der Lebenswirklichkeit in Verbindung gebracht werden können. Dabei ist die Lebenswirklichkeit der Massstab. Sinn und Unsinn koranischer Aussagen messen sich an ihr. Dies, weil jeder Mensch ungeachtet seines Bezugs zu Gott einen unmittelbaren Zugriff auf sie hat und ständig mit ihr interagiert. Die Lebenswirklichkeit ist das bindende Element zwischen allen Menschen der Erde. Sie ändert mit dem (Un-)Glauben an Gott nicht ihre Gestalt. Die Behauptung von Gottes Existenz, Seiner Gerechtigkeit und Seiner Güte macht eine Implementierung des Gottesgedanken in die Lebenswirklichkeit zwingend notwendig. Gott kann weder empirisch nachgewiesen noch wissenschaftlich bewiesen werden. Daher braucht es gute Gründe, warum der Glauben an Gott heutzutage zeitgemäss ist. Sich für Gott zu entscheiden, bedeutet, an Seinem absoluten Wissen teilzuhaben. Dies geschieht durch Seine Offenbarung. Sie macht es dem Gläubigen einfacher, Argumente zu finden. Allerdings sind es keine vorgefertigten Argumentationsstrukturen oder schemenhafte Handlungsanweisungen, die wir dort vorfinden. Hier kommt das erkennende (gläubige) Subjekt ins Spiel und hier beginnt die Erkenntnistheorie. Der Glaube an Gott garantiert, dass es im Koran stets richtige Antworten auf Fragen gibt, die wir Ihm stellen. Warum?

  1. Weil es Sein Wille ist, dass wir Anteil an Seinem Wissen erhalten, und weil Er die Mittel festlegt, durch die wir in die Lage versetzt werden, uns Wissen anzueignen.

2:255 „(…) Er weiss, was zwischen ihren Händen ist und was nach ihnen ist und sie [die Menschen, Anm. d. Verf.] umfassen nichts aus Seinem Wissen ausser mit dem [arab.:إلّا بما شاء, illā bimā schā`], was Er wollte. (…)“

eigene Übersetzung

96:1-5 „Lerne im Namen deines Herrn, der erschuf – erschuf den Menschen aus einem Embryo. Lerne! Und dein Herr ist der Edelste, Der durch die Fähigkeit zur Identifizierung lehrte – lehrte den Menschen, was dieser nicht wusste.“

eigene Übersetzung
  1. Dass Gott uns zum Richtigen verhilft, indem Er es uns selbst erkennen lässt, ist die Art und Weise, die dem Menschen aufgrund seiner biologischen und geistigen Natur am ehesten gerecht wird. Weder legt Er unser aller Schicksal von Anfang an fest noch schickt Er uns ein detailliertes, penibel ausgearbeitetes Gesetzbuch, das ohne die Berücksichtigung von Ort und Zeit und von der Relativität menschlicher Erfahrung strikt einzuhalten ist. Gottes Barmherzigkeit (21:107) bedeutet, dass der Mensch zeit seines Lebens die Gelegenheit hat, von der Fähigkeit zur Identifizierung Gebrauch zu machen, um durch den Koran eigenverantwortlich das Richtige zu erkennen und auszuführen. Diese Gelegenheit steht jedem Menschen offen.

Sowohl das islamische Erbe wie auch das abendländische Denken hat sich bereits früh philosophischer Fragestellungen gewidmet und einiges an Ideen und Gedanken hervorgebracht, sodass wir heute von einer lebendigen und kreativen Interaktion mit ihr enorm profitieren können. Nichtsdestotrotz ist es hier das ausdrückliche Bestreben, eine solche Erkenntnistheorie allein aus dem Koran abzuleiten. Ein Buch, welches von sich behauptet, für alle Zeiten und Orte gültig zu sein, tut es deshalb, weil es dort immer etwas zu wissen gibt. Was zeitgemäss ist, wird nicht mit den Massstäben des siebten Jahrhunderts der arabischen Halbinsel und auch nicht mit den Regeln der islamischen Geistesgeschichte, die sich in den ca. zwei Jahrhunderten nach Ableben des Propheten (s) etabliert haben, festgelegt, sondern mit allen geeigneten Mitteln, die uns im Hier und Jetzt zur Verfügung stehen. Eine solche Auseinandersetzung mit dem „Heiligen Text“ bringt die Islamizität der Erkenntnis und eine Methodik der wissenschaftlichen Überlegung für jeden Gottergebenen hervor, die ihm Mut und Selbstvertrauen zum Umgang und zur Interaktion mit menschlichem Gedankengut jeder Art unabhängig von der jeweiligen Gesinnung verleiht.

Wahrheit bewährt sich an der Wirklichkeit und das anspruchsvolle Unterfangen der Etablierung einer koranischen Erkenntnistheorie kann niemals das Werk eines Einzelnen sein. Es handelt sich um eine kollektive Verantwortung, der wir, als Verein und Vorreiter in der Gesellschaft, nachgehen möchten, indem wir kritisches und vernünftiges Denken fördern und somit an geistiger Souveränität gewinnen. Diese neu gewonnene Mündigkeit verhilft zu einem selbstbestimmten, differenzierten Umgang mit relevanten Fragestellungen in der Welt mit koranischem Bezug, frei von der Autorität der Religionsgelehrten und von der Dunkelheit von Aberglauben und Mythologien.

Genauso wie man sich in den Naturwissenschaften – ein gemeinsames Projekt der Menschheit –, auf induktivem Wege der Wahrheit nähert, ist dies analog im Bereich der Geisteswissenschaften möglich. Beide können zu einer harmonierenden Symbiose zusammengeführt werden, von der der Mensch umso mehr profitieren kann – vorausgesetzt, er ist dazu willens. Eine Erkenntnistheorie, welche beide Seiten gleichermassen einschliesst, verhilft dem Gottergebenen, sich Gottes absolutem Wissen auf eine angemessene und nutzbringende Weise anzunähern, woraus ein direkter, positiver Effekt auf das Leben des Menschen resultiert. Hierin gründet die gemeinschaftliche Verantwortung, durch die das, was als religiöse Wahrheit gilt, im Leben des Einzelnen oder in der Gesellschaft durch real stattfindende Vorgänge als Produkt sich gegenseitig beeinflussender Faktoren sichtbar gemacht wird, damit es von jedem anderen wahrgenommen und anerkannt werden kann. Es handelt sich um einen Prozess, der scheinbare Widersprüche in der islamischen Anschauung aufheben und alle zugehörigen Elemente zu einem zusammenhängenden und greifbaren Ganzes hinzufügen soll. So soll sukzessive klar werden, was es bedeutet, dass der Koran universell und für alle Zeiten und Orte gültig ist.

Fussnoten:

1 Die Geschichte von Moses und dem Weisen und das Rätsel um die geheimnisvollen Buchstaben am Anfang mehrerer Suren sollen Beispiele hierfür liefern. Diese werden in den nächsten Beiträgen behandelt.

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