96:1-5 „Lerne im Namen deines Herrn, der erschuf – erschuf den Menschen aus einem Embryo. Lerne! Und dein Herr ist der Edelste, Der durch die Fähigkeit zur Identifizierung lehrte – lehrte den Menschen, was dieser nicht wusste.“

eigene Übersetzung

Als der Prophet Mohammed – Friede sei auf ihn – gemäss Überlieferung auf dem Berg Hira1 diese vermutlich ersten Worte der Offenbarung Gottes empfing, markierte dieses Ereignis den Beginn einer Weltreligion, der sich nun ca. 1.7 Milliarden Menschen überall auf der Welt zugehörig fühlen – eine Religion, bei dem der Erwerb und die Weitergabe von Wissen in allen Belangen des Lebens als hohe Priorität angesehen wird und die Basis für eine gesunde Religiosität liefert. Und auch wenn die heutige muslimische Gemeinschaft von ihrem wissenschaftlichen und zivilisatorischen Niveau her längst abgehängt zu sein scheint, so ändert dies jedoch nicht die Tatsache, dass die Offenbarung Gottes mit dem Gebot des „Lernens“ bereits von ihrem Beginn an auf den Verstand des Menschen abzielt. Lernen bewirkt Weiterentwicklung und Fortschritt, welche unabdingbar für das eigene Fortbestehen sind.

Daher liegt für uns die Schlussfolgerung nahe, dass die Weiterführung der heutigen Wissenschaften in all ihren Disziplinen ein elementarer Bestandteil unseres religiösen Wirkens ist, der wir uns als Gottergebene nicht verschliessen dürfen, und dass vermeintliche Widersprüche zwischen der als „Islam“ wahrgenommenen Weltanschauung und der Wissenschaft beiseitegelegt werden müssen. Durch den damit gleichbedeutenden Aufstieg auf das heutige Niveau ergibt sich für den Gottergebenen die Möglichkeit, mit einer gesunden Mischung aus Vernunft und Hingabe ebenfalls wertvolle Errungenschaften für das Allgemeinwohl erzielen zu können. Die Aneignung von Wissen ist darüber hinaus die Grundlage für jede Entscheidung, die von einem Individuum getroffen wird. Ohne die Lernfähigkeit des Menschen ist keine Selbstbestimmung möglich. Diese Lernfähigkeit haben wir dem Herrn der Welten zu verdanken, „Der durch die Fähigkeit zur Identifizierung lehrte“. Wir werden im weiteren Verlauf näher auf diese Fähigkeit eingehen. Was jedoch in dieser Einleitung abschliessend anzumerken ist: Die Offenbarung Gottes ist nicht zu verstehen, wenn wir den Weg der Wissenschaft verlassen und den Bezug zur uns umgebenden Realität völlig aus den Augen verlieren!

3:29 „Sprich: Gott kennt eure Geheimnisse, ganz gleich, ob ihr sie verheimlicht oder offenbart. Er weiss, was in den Himmeln und auf Erden ist. Seine Allmacht umfasst alles!“

Azhar

Wir haben bereits im zweiten Artikel festgestellt, dass Gott alles, was auf der Welt existiert, nach Mass erschaffen hat. Dies bezieht sich sowohl auf das Wahrnehmbare von der Welt als auch auf das Nicht-Wahrnehmbare. Mass bedeutet, dass jedem Objekt bestimmte, festgelegte Eigenschaften innewohnen, sowie die Tatsache, dass die Objekte in wechselseitiger Abhängigkeit zueinanderstehen.

Wenn wir beispielsweise Objekte in der Natur betrachten, so identifizieren und kategorisieren wir auf eine Weise, die für uns von Belangen ist. Dies tun wir im Übrigen für alle anderen Objekte genauso. Wir entdecken die Sonne und stellen fest, dass sie eine festgelegte Dosis an Wärme und Tageslicht liefert. Dies sorgt dafür, dass auf unserem Planeten Leben möglich wird. Wäre die Entfernung der Erde zur Sonne einen Tick grösser oder einen Tick kleiner, wäre kein Leben auf unserem Planeten möglich. Das bedeutet, der Abstand der Erde zur Sonne ist ein wichtiger Punkt bei der Betrachtung der Sonne.

Genauso ist es wichtig, dass der Erde eine schützende Ozonschicht umgibt. Diese filtert das Sonnenlicht und schützt uns in hohem Masse vor gefährlicher Strahlung. Der Wechsel von Tag und Nacht wird dadurch möglich, dass sich die Erde um die eigene Achse dreht, sodass immer eine Hälfte der Erde der Sonne zugewandt ist. Tagsüber verrichten wir in der Regel unsere alltäglichen Aufgaben und die Nacht dient uns der Ruhe. Natürlich sind der Sonne bei Weitem mehr Eigenschaften zuzusprechen, die direkt oder indirekt zu unserem Nutzen sind. Genauso gibt es auch Eigenschaften an ihr, die uns schaden. Jedoch begnügen wir uns an dieser Stelle der Übersicht halber mit diesen allgemein bekannten Tatsachen. Wenn wir nun diese Zusammenhänge bezogen auf die Sonne zu einer thematischen Einheit zusammenfassen, so erhalten wir den kitab2 der Sonne. Dieser kitab gibt Aufschluss darüber, welche Bedeutung die Sonne in unserem irdischen Dasein hat.

Wenn wir nun den Mond betrachten, so stellen wir fest, dass er verantwortlich für Ebbe und Flut und für den gleichmässigen Wechsel der Jahreszeiten ist. Wir erhalten durch die Sammlung der entsprechenden Zusammenhänge ebenfalls einen kitab des Mondes. Die gleiche Methodik lässt sich auch anwenden, wenn wir den Bereich der Himmelskörper verlassen und z. B. die menschliche Psyche, Erdbeben, die Finanzkrise oder rhythmische Sportgymnastik betrachten. Es sind Schlagwörter oder Dinge, die als solche wahrgenommen werden. Im nächsten Schritt entdeckt das Individuum deren Zusammenhänge und versucht sie auf diese Weise zu verstehen. Jede entsprechende Sammlung von Zusammenhängen, die für uns von Belangen und wichtig sind, ist ein kitab. Im kitab liegt der Fokus nicht auf das Schlagwort an sich, sondern auf die Sammlung dessen einzelnen Zusammenhänge!

In der Offenbarung Gottes gibt es zahlreiche Anwendungsbeispiele, in denen dieses Prinzip zur Geltung kommt. Man erkennt es immer daran, wenn das Wort kitab oder kutub (Mehrzahl von kitab) als unbestimmtes Substantiv ohne den arabischen Artikel al- verwendet wird3. Dabei handelt es sich um Dinge, die grundsätzlich jedem bekannt sind, deren Zusammenhänge jedoch von hoher Bedeutung für uns sind.

3:145 „Es gebührt keiner Seele zu sterben, ausser mit der Erlaubnis Gottes, als ein zurückgestellter kitab.“ (hier übersetzbar mit: Ereignis)

eigene Übersetzung

Der Tod ist dem Menschen bekannt, wie auch bekannt ist, dass keiner sich ihm entrinnen kann. Was uns im Allgemeinen interessiert, sind die Faktoren, die zum Tod führen. Genau hier setzen die Medizin bzw. die Gesetzgebung an, die letztlich dafür sorgen, dass der Zeitpunkt des Todes durch ihr Eingreifen für das Individuum zurückgestellt wird, nicht verhindert.

5:15-16 „O Leute der Offenbarung4! Unser Gesandter ist nunmehr zu euch gekommen, um euch vieles von dem klarzumachen, was ihr von der Offenbarung verborgen gehalten habt, und er vieles verzeiht. Gekommen ist nunmehr zu euch von Gott ein Licht und ein deutlicher kitab, mit dem Gott diejenigen, die Seinem Wohlgefallen folgen, die Wege des Heils leitet und sie aus den Finsternissen hinaus mit Seiner Erlaubnis ins Licht bringt und sie zu einem geraden Weg leitet.“ (hier übersetzbar mit: Buch)

eigene Übersetzung

Man beachte hier die Verwendung des Ausdrucks „die Wege des Heils“ als Plural, woraus man schlussfolgern kann, dass jeder Mensch seine eigenen Voraussetzungen mitbringt und dass kitab hier als eine Sammlung von diversen Anweisungen und Erklärungen von Gott zu verstehen ist, die jeden Einzelfall im Lebens des Individuums abdeckt und mit der es möglich ist, aus der eigenen Finsternis ans Licht zu kommen. Das bedeutet: Die für das einzelne Individuum notwendigen Schritte, um zum richtigen Weg zu finden, sind mithilfe des kitab zu ergründen und zu beschreiten, wenn man das Ziel der Rechtleitung vor Augen hält. Deshalb kann in diesem Fall kitab mit „Schrift“ übersetzt werden.

98:1-3 „Diejenigen von den Leuten der Offenbarung und den Beigesellern5, die ignorant sind, werden sich nicht (von ihrer Haltung) lösen, bis der klare Beweis zu ihnen kommt. Ein Gesandter von Gott verliest gereinigte Blätter, in denen wertvolle kutub sind.“

eigene Übersetzung

Ein Gesandter Gottes überbringt der eigenen Gemeinschaft sowie den nachfolgenden Generationen die Botschaft des Friedens und der Gerechtigkeit. Um Frieden verwirklichen zu können, sind Werte wie Geschwisterlichkeit, Standhaftigkeit und Gottvertrauen notwendig. Jeder dieser Werte entspricht einem dieser kutub der Botschaft, die entsprechende Erzählungen, Anweisungen und Erklärungen beinhalten. Die Verbindung von universellen Werten mit dem Ausdruck „wertvolle kutub“ gemäss dem angegebenen Vers ergibt sich aus der Tatsache, dass qayyim (arab. für wertvoll) denselben Wortstamm teilt mit qîma (Mehrzahl: qiyam, arab. für „Wert(e)“). In diesen kutub werden demnach die wichtigsten Zusammenhänge erläutert, die notwendig sind, um sich diese Werte aneignen zu können. Von diesen kutub zu lernen bedeutet die Zusammenhänge zu erkennen und anzuwenden.

Ein kitab kann selbst ebenfalls mehrere Teilbereiche umfassen und dementsprechend über mehrere weitere kutub verfügen. Dies lässt sich fortführen. Zum Abschluss eines Maschinenbaustudiums z. B. gehört das Absolvieren vieler weiterer Teildisziplinen, wie das Studium der Physik, der Chemie und das Anfertigen einer Abschlussarbeit. Zur Anfertigung einer Abschlussarbeit gehört wiederum das Finden eines Themas, eine sorgfältige Literaturrecherche, ein gutes Zeitmanagement, die Fähigkeit Texte zu schreiben etc. Eine gute Literaturrecherche liefert man, wenn man unter anderem Online-Medien, Bücher oder Fachzeitschriften durchstöbert.

Kitab funktioniert demnach wie das Mindmap-Prinzip, wenn wir ein Thema, Überschrift oder Schlagwort kennen, uns in diesem Bereich ein Ziel setzen und versuchen zugehörige, wesentliche Elemente zu finden. „Buch“ oder „Schrift“ als gängige Übersetzung für kitab ist daher als Spezialfall zu verstehen. Denn wenn ich in einem Lexikon zu einem bestimmten Thema etwas nachschlagen möchte, interessieren mich einzelne Zusammenhänge, die ich entdecken und anwenden möchte. Genauso kann der Wechsel eines Fahrradreifens ein kitab sein, wenn ich anhand meines eigenen Fahrrades lernen möchte, welche Schritte dafür erforderlich sind.

Und so wie qadar6 als objektive (nicht-)wahrnehmbare Grundlage jeden Aspekt menschlichen Lebens beinhaltet, so sind auch analog dazu kutub in absolut jedem Lebensbereich möglich. Diese kutub sind im kitab der Schöpfung Gottes zusammengefasst. Und wenn Gott die Welt inkl. des qadar erschaffen hat, so stammt auch jegliches Wissen, das in direktem Zusammenhang zu ihr steht, auch von Ihm. Dieses Wissen beinhaltet die Kenntnis über jede einzelne Kausalität, der in dieser Welt seitens des Menschen zu entdecken ist. Er ist der Ursprung jedes Wissens. Er ist derjenige, der die Zusammenhänge gestaltet und bemisst.

22:70 „Weisst du denn nicht, dass Gott weiss, was im Himmel und auf der Erde ist? Gewiss, dies steht in einem kitab. Gewiss, das ist Gott ein leichtes.“ (hier übersetzbar mit: Verzeichnis)

eigene Übersetzung

Wir Menschen lernen von diesen kutub im Laufe unseres Daseins. Wir nehmen somit unseren Anteil an Gottes Wissen, indem wir häppchenweise die Zusammenhänge des kitab der Schöpfung entdecken und anwenden. Jedoch ist unser Dasein sowohl in seiner physischen als auch in seiner psychischen Form an natürliche Grenzen gebunden. Aufgrund unserer eigenen Unzulänglichkeit werden wir bestimmte Zusammenhänge wahrscheinlich niemals in ihrer Gänze erfahren. Durch die Subjektivität unserer Wahrnehmung laufen wir stets Gefahr, den eigentlichen Sinn und Zweck des Wahrgenommenen nicht zu erkennen. Daher sollte die Relativität unseres Denkens uns stets daran erinnern, dass wir niemals den Fehler machen dürfen, unser Wissen zu verabsolutieren:

12:76 „[…] Und über jedem, der Wissen besitzt, steht einer, der (noch mehr) weiss.“

Bubenheim und Elyas

30:7 „Sie kennen nur das Äusserliche vom diesseitigen Leben, während sie des Jenseits unachtsam sind.“

Bubenheim und Elyas

Und im Zuge dieser Unterscheidung zwischen dem Wissen, von dem wir behaupten, es zu wissen (unserem kitab), und dem eigentlichen, zweckgebundenen Wissen (dem eigentlichen kitab), über das nur Gott verfügt, setzen wir uns nun zunächst einmal mit unserem Bild von Gott auseinander.

3:29 „Sage: Ob ihr verbergt, was in euren Brüsten ist, oder ob ihr es zeigt, Gott weiss es. Und er weiss, was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Und Gott ist über alle Dinge mächtig.“

Hanif

67:14 „Wie sollte Er es nicht wissen, ist Er doch der Schöpfer, Der die kleinsten Einzelheiten weiss und alles genau kennt.“

Azhar

36:79 Sage: Sie werden von demjenigen belebt, der sie erstmals entstehen liess. Und er ist über jede Erschaffung wissend.“

Hanif

16:8 „Und (erschaffen hat Er) die Pferde, die Maultiere und die Esel, damit ihr auf ihnen reitet, und (auch) als Schmuck. Und Er erschafft, was ihr nicht wisst.“

Bubenheim und Elyas

Gott ist der Ursprung der Schöpfung und des Wissens. Derjenige, der über Seine Schöpfung am besten Bescheid weiss, kennt das Offensichtliche in ihr und das Verborgene, das Grosse darin und das Kleine. Er kennt die Spielregeln dieser Welt. So wie Er die Welt nach Seinem Wissen gestaltet hat, weiss Er auch, wie die Zusammenhänge in der Welt geartet sind und wie man in der Welt bestehen kann. Jedes Detail in dieser Welt ist bespickt mit Seinem Wissen. Er kennt den Menschen in und auswendig. Er weiss, was dem Menschen zuzumuten ist und was nicht, wann Er helfend eingreift und wann nicht. Ebenso weiss Er, wann er Propheten entsendet und wann nicht und warum Mohammed als letzter Prophet der Gottergebenheit bereits im siebten Jahrhundert erschien, obwohl er seiner Zeit angesichts seiner Botschaft der freien und modernen Zivilgesellschaft weit voraus war. Es gibt sicherlich eine Menge solcher Fragen, die man Gott stellen kann. Jedoch ist eins festzuhalten:

17:54 „Euer Herr kennt euch sehr wohl. Wenn Er will, erbarmt Er Sich eurer, oder wenn Er will, straft Er euch. Und Wir haben dich nicht als Sachwalter über sie gesandt.“

Bubenheim und Elyas

Es ist an dieser Stelle interessant zu erwähnen, dass Gott seine Sprecherperspektive innerhalb eines Verses ändert. Wenn Er am Anfang von Sich Selbst als „Euer Herr“ spricht, wechselt er noch im selben Vers zum Personalpronomen „Wir“. Dieses Phänomen, worauf wir noch nicht näher eingehen werden, ist bspw. auch in den Versen 25:20 oder 108:1-3 zu beobachten. Es handelt sich hierbei nicht um einen Fehler Seinerseits oder irgendeiner anderen Form von Unzulänglichkeit, die Ihm zu unterstellen ist. Vielmehr ist festzuhalten, dass die unterschiedlichen Formen, mit denen Sich Gott Selbst beschreibt, eine Botschaft übermitteln sollen – eine Botschaft, die besagt, dass wir Menschen durch die Worte Gottes mehrere Wege bekommen, Gott zu erreichen. Denn wenn Gott sich gleichzeitig als Denjenigen beschreibt, Der sich nach der Schöpfung der Himmel und Erde über den Thron erhob (7:54), Der dem Menschen näher ist als seine Halsschlagader ist (50:16) und Ihm doch nichts gleich ist (42:11), dann bedeutet das, dass Gott vollkommen unabhängig von Ort und Zeit und jeglicher Art von Personifizierung ist.

Der Ausdruck „Euer Herr“ im vorangegangenen Vers ist die gleiche Bezeichnung für Gott, wie sie in Vers 96:1, dem Vers in der Einleitung zu diesem Artikel, verwendet wird und bedeutet im Arabischen Rabb. Dem gegenübergestellt ist in der Offenbarung der Mensch, bezeichnet als `abd (gängige Übersetzung im Deutschen: Diener). Das Wort Rabb wird im alltäglichen arabischen Sprachgebrauch nicht nur im religiösen Kontext benutzt, sondern kann auch beispielsweise auf den Hausherren/die Hausherrin, den Fahrzeughalter, der sein Fahrzeug sein Eigen nennt, oder auf den Projektleiter, unter dessen Schirmherschafft ein bestimmtes Projekt läuft, angewendet werden. Er hat im Prinzip die Verfügungsgewalt über sein Anliegen. Er weiss, was für seine Sache gut und was schlecht ist, und ist an ein Fortbestehen seiner eigenen Sache interessiert. Er bestimmt demnach die Regeln und fungiert praktisch als dessen Schirmherr. Und genauso ist Gott der Schirmherr des kitab der Schöpfung.

In dem Moment, in dem Er die Welt erschuf, setzt Er damit eine Kausalitätskette in Kraft, die kontinuierlich ihre Regeln durchläuft und die Welt zu der werden lässt, wie wir sie heute erfahren. Gott ist sozusagen Projektleiter für das Projekt „Menschheit“ und weiss, bevor es den Menschen überhaupt gibt, wie wir am Anfang unserer Schöpfung sind, wie wir einmal sein werden und was gut bzw. schlecht für uns auf unserem Weg ist. Demnach gibt Er die Leitlinien für ein erfolgreiches Leben vor und erteilt dem Menschen die Befugnis, selbstständig Entscheidungen zu treffen. Die Herr-Diener-Beziehung (Rabb`abd) ist eine abwärts gerichtete, konfessionslose und damit die gesamte Menschheit umfassende Beziehung, die nicht an Zeit oder Ort gebunden ist.

26:23-28 „Pharao sprach: ‚Und was ist der Herr der Welten?‘ (Moses) sprach: ‚Der Herr der Himmel und der Erde und dessen, was zwischen den beiden ist, wenn ihr nur glauben wolltet.‘ (Pharao) sprach zu denen um ihn: ‚Hört ihr nicht?‘ (Moses) sprach: ‚Euer Herr und der Herr eurer Vorväter.‘ (Pharao) sprach: ‚Dieser euer Gesandter, der zu euch entsandt ward, ist fürwahr ein Wahnsinniger.‘ (Moses) sprach: ‚Der Herr des Ostens und des Westens und dessen, was zwischen den beiden ist, wenn ihr es nur begreifen würdet.‘“

Ahmadiyya

Denn von Seinem Wissen und Seiner Macht gibt Er dem Menschen so viel, wie Er es für richtig und ausreichend hält, um seiner Aufgabe als Sachwalter Gottes auf Erden in vollem Masse gerecht zu werden7. Diese Befugnis kann dem Menschen jederzeit entzogen werden.

4:133 „Wenn Er will, lässt Er euch vergehen, ihr Menschen, und bringt andere. Gott hat dazu die Macht.“

Bubenheim und Elyas

Macht bedeutet Verantwortung. Und solange der Mensch die Befugnis der Entscheidungsfreiheit und der Selbstbestimmung besitzt, ist es ihm anbefohlen, seiner Verantwortung nachzugehen, indem er von der Welt lernt und sein Wissen nutzbringend in seiner Umwelt wieder einfliessen lässt. In diesem Kontext erscheint es umso einleuchtender, wenn wir feststellen, dass das erste Gebot, das Gott in Seiner Offenbarung formuliert hat, nicht „bete“ oder „faste“ lautet, sondern „lerne“ (96:1). Diese Übersetzung scheint eine durchaus passendere Übersetzung für dieses Wort zu sein als „lies“. Denn auch im alltäglichen Sprachgebrauch wird das arabische qara’a gleichermassen für die Tätigkeit des Lernens benutzt, wenn man bestimmte z. B. Themen oder Sachverhalte eingehend studieren möchte8. Das bedeutet, dass die Grundlage jeder Entscheidung im Sinne der Gottergebenheit auf eine aufrichtige, ehrliche und tiefgehende Analyse des Wahrgenommenen basiert. Wenn man die Zusammenhänge im kitab der Schöpfung nicht (er)kennt, bewirkt man auch nichts.

96:1 „Lerne im Namen deines Herrn, der erschuf – erschuf den Menschen aus einem Embryo. Lerne! Und dein Herr ist der Edelste, Der durch die Fähigkeit zur Identifizierung lehrte – lehrte den Menschen, was dieser nicht wusste.“

eigene Übersetzung

Die Verbindung von Gott, dem Herrn und Erhalter (Rabb), dem Erschaffenen und dem Aspekt des Lernens lässt daher die Schlussfolgerung zu, dass wir es mit einer Schirmherrschaft Gottes über Seine Schöpfung zu tun haben, bei dem Er durch das Lernen, das dem Menschen anbefohlen wurde, dessen Daseinszweck formuliert. Oder anders ausgedrückt: Fortwährendes Lernen gehört zur natürlichen Veranlagung des Menschen. Es ist etwas, das zu Fortschritt und Weiterentwicklung führt, vorausgesetzt, der Mensch ist sich dessen bewusst. Dabei hat Gott dem Menschen ein Hilfsmittel mitgegeben, mit dem er dies bewerkstelligen kann: Es ist die Fähigkeit zur Identifizierung.

Dieser Ausdruck entspricht im Arabischen dem Wort qalam, welches üblicherweise mit Stift oder Schreibrohr übersetzt wird und der Wortwurzel qaf-lam-mim entstammt. Das Verb qalama steht für das stückweise Auseinanderreissen einer Sache, das gezielte Zerteilen in mehrere Einzelteile oder das Verfeinern, Optimieren oder Fokussieren auf bestimmte Einzelteile9. Der Stift heisst daher qalam, weil dessen Mine immer wieder angespitzt werden muss, um gezielt feine Linien ziehen zu können. Dieses Prinzip lässt sich aber problemlos ausweiten. Das Schneiden der Fingernägel wird als taqlim bezeichnet. Wenn man ein Modellauto in seine Einzelteile zerlegt oder sich unter einem Mikroskop eine Bakterienkultur anschaut, dann fokussiert man sich auf die Bestandteile, aus denen sich diese zusammensetzen und lernt deren Zusammenhänge kennen. Aqlam, die Mehrzahl von qalam, wird in 3:44 erwähnt, wenn es heisst:

3:44 „Dies gehört zu den Nachrichten vom Verborgenen, das Wir die (als Offenbarung) eingeben. Denn du warst nicht bei ihnen, als sie ihre Rohre (Aqlam) warfen (, um durch das Los zu bestimmen), wer von ihnen Maryam betreuen sollte. Und du warst nicht bei ihnen, als sie miteinander stritten.“

Bubenheim und Elyas

Ein Losentscheid wurde früher oft angewandt, wenn eine wichtige Entscheidung getroffen werden musste. Dabei wurden Stifte oder eben kleine Rohre, von denen jeder Einzelner sich entweder in seiner Länge oder in seiner Farbe unterschied, um sie auseinanderhalten zu können.

Das Baby, das neu zur Welt kommt, kann mit dem, was es hört, zunächst nichts anfangen. Die Ansammlung von Lauten und Geräuschen ist ein heilloses Durcheinander, was es überfordert. Es erlernt im Laufe der ersten Monate den Umgang mit seinem Hörsinn, in dem es als Erstes die Stimme der Mutter erkennt und sie von anderen Stimmen unterscheidet. Im weiteren Verlauf erkennt es die Stimme des Vaters, der Geschwister und weiteren Menschen. Dasselbe gilt auch für den Sehsinn. Wenn das Neugeborene irgendwann die Augen öffnet und den Umgang mit ihnen lernt, erkennt es dann die Konturen der Mutter und unterscheidet diese von anderen visuellen Eindrücken. Es fügt das Bild, was es von seiner Mutter hat, zur ihr zugehörigen Stimme und speichert das Ergebnis in seinem Gedächtnis. Wenn das Baby das Sprechen lernt und dabei immer wieder versucht, die Buchstaben ihrem Klang nach unterschiedlich nachzusprechen, gibt es der Mutter den Namen „Mama“. Dadurch ist es in der Lage, das Wahrgenommene zu abstrahieren und in einen eigenen Kontext zu setzen. Dadurch verarbeitet es das Wahrgenommene, setzt es in Zusammenhang miteinander und lernt daraus. Das Kind perfektioniert im Laufe seines Lebens seine kognitiven Prozesse derart, dass es als Erwachsener die Leistungen vollbringen kann, die ihn zur Oberfläche des Mondes oder zu den tiefsten Tiefen der Weltmeere befördern.

Die Medizin hat sich ebenfalls durch das Prinzip des qalam zu dem entwickelt, wie wir sie heute kennen. Zu den Anfängen der Menschheit wusste man sehr wenig über die menschliche Anatomie, bis man nach und nach begonnen hat, deren Bestandteile zu identifizieren und zu unterscheiden. Man erkannte zuerst das Blut als einheitliche Flüssigkeit, die durch die menschliche Ader fliesst. Im Laufe der Zeit erkannte man, dass das Blut aus roten und weissen Blutkörperchen sowie aus Blutplättchen und Blutplasma besteht. Man erkannte, dass das Blut für die Sauerstoffversorgung im ganzen Körper zuständig ist und dass es beispielsweise gerinnt, wenn der Körper eine offene Wunde hat.

Während man im Alten Orient von bösen Dämonen und strafende Götter als Ursache für Krankheiten ausging, erkannte man in der Neuzeit, dass Bakterien oder Viren für viele Erkrankungen verantwortlich sind, die bestimmte Organe oder sogar den ganzen Körper befallen können und sich so stark vermehren, dass der Mensch daran stirbt. Durch eine zufällige Entdeckung wurde ein Wirkstoff in Schimmelpilzen entdeckt, der die Bakterien effizient bekämpft und als Penicillin und später in mehreren unterschiedlichen Variationen gegen ein breites Spektrum an bakteriellen Erkrankungen angewendet wird.

Wir stellen nun fest: Wenn wir sagen, wir lernen vom kitab der Schöpfung Gottes, dem eigentlichen kitab, dann tun wir dies mit unserem Hilfsmittel, dem qalam. Wir erkennen also die Zusammenhänge in dieser Welt und füllen so unser eigenes kitab, das voller und voller wird und sich mit Gottes Wissen füllt. Qalam kann man sich bildlich als Mikroskop vorstellen, das man an ein bestimmtes Objekt richtet und immer weiter heranzoomt, um mehr erkennen zu können. Diese Form des Kennenlernens erstreckt sich über alle Ebenen der eigenen Wahrnehmung und ist die unabdingbare Voraussetzung für Fortschritt. Nicht zu lernen bedeutet Stillstand. Stillstand wirkt wie Gift für das Leben eines Einzelnen oder in Gemeinschaft.

Qalam lässt sich aber bei Weitem nicht auf die alleinige Verwendung durch den Menschen eingrenzen. Dieses Hilfsmittel benutzen auch alle anderen Lebewesen, denn auch das Kalb erkennt seine Mutter und unterscheidet sie von anderen Kühen, genauso wie die Brieftaube immer wieder den Weg nach Hause findet. Qalam ist die Basis für jede Form von Wissenschaft, die seit Anbeginn der Menschheit betrieben wird. Durch qalam durchlebt der Mensch einen Lernprozess, der bis heute andauert und in dem sämtliche Aspekte menschlichen Lebens involviert sind. Auch in religiös-historischer Hinsicht erkennen wir den Lernprozess in der Offenbarung Gottes, in der die Prophetengeschichten Meilensteine in der Menschheitsgeschichte darstellen. Doch dazu in einem späteren Artikel mehr.

Wenn wir vom kitab der Schöpfung und deren kutub (deren Teilbereiche) sprechen, in denen sich die Dinge und Mechanismen in dieser Welt kategorisieren lassen, so erkennen wir durch qalam Stück für Stück die Zusammenhänge in diesen kutub. Auf diese Weise kommen wir an einem Punkt, bei dem wir uns klar werden müssen, dass mit Wissen eine Verantwortung einher geht.

42:14 „Und sie spalteten sich erst, nachdem das Wissen zu ihnen gekommen war – aus Missgunst untereinander. Und wen es nicht ein früher ergangenes Wort von deinem Herrn auf eine festgesetzte Frist gäbe, so wäre wahrlich zwischen ihnen entschieden worden. Gewiss, diejenigen, denen das gesammelte Wissen10 nach ihnen zum Erbe gegeben wurde, sind darüber im starken Zweifel.“

eigene Übersetzung

Wissen führt zu Aufstieg. Aufstieg bedeutet, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die an diesem bedingt durch das eigene Weltbild nicht teilhat. Dieses Weltbild sorgt dafür, dass Wissenschaft nutzenorientiert betrieben wird und derjenige für sich selbst Vorteile erwartet, der seine eigenen Ressourcen in Wissenschaft und Forschung investiert. Bestimmte Aspekte werden willentlich und wissentlich ausgeblendet, wenn sie nicht dem eigenen Nutzen entsprechen. In diesem Sinne ist auch das Sprichwort „die Sieger schreiben die Geschichte“ zu verstehen. Denn Siegermächte haben in der Regel ein Interesse daran das eigene Weltbild zu stärken, indem man sich selbst in das beste Licht rückt und dem vermeintlichen Verlierer die schlechtesten Eigenschaften zuschreibt. Das bedeutet nicht, dass die Sieger generell schlecht sind oder die Verlierer die eigentlichen Gewinner sein sollten. Vielmehr ist dies als ein allgemeiner Appell für eine ehrliche und aufrichtige Wissenschaft zu verstehen, die nicht das Ziel hat, einer bestimmten Personengruppe einen deutlichen Vorteil gegenüber einer anderen zu verschaffen. Vielmehr sollte die Wissenschaft das Allgemeinwohl uneigennützig an die oberste Stelle setzen. Der kapitalistische Gedanke führt sonst dazu, dass der eigentliche Zweck der Wissenschaft in den Hintergrund gerückt wird und dass von ihr trotz gegenteiliger Behauptungen bei Weitem nicht alle profitieren.

4:162 „Diejenigen aber unter ihnen, die im Wissen fest gegründet sind, und die Gläubigen glauben an das, was zu dir (an Offenbarung) herabgesandt worden ist, […]. Ihnen werden Wir grossartigen Lohn geben.“

Bubenheim und Elyas

6:80 „[…] Mein Herr umfasst alles mit (Seinem) Wissen. Bedenkt ihr denn nicht?“

Bubenheim und Elyas

Wissenschaft bedeutet Vertrauen in Gott zu setzen. Dies ist sowohl im Lichte möglicher Investitionen zu verstehen, die bedeutend für das Allgemeinwohl sind, als auch bezogen auf die Standhaftigkeit, die notwendig ist, wenn man sich auf Wahrheiten stützt, die nicht erfolgsversprechend erscheinen, von denen man dennoch überzeugt ist.

7:89 „Wir würden ja gegen Gott eine Lüge ersinnen, wenn wir zu eurer Religion zurückkehrten, nachdem Gott uns vor ihr errettet hat. Es steht uns nicht zu, zu ihr zurückzukehren, ausser dass Gott, unser Herr, (es) wollte. Unser Herr umfasst alles mit (Seinem) Wissen. Auf Gott verlassen wir uns. Unser Herr, entscheide zwischen uns und unserem Volk der Wahrheit entsprechend! Du bist ja der beste Entscheider.“

Bubenheim und Elyas

Wissenschaft bedeutet Wahrhaftigkeit – auch im religiösen Sinne. Eine gesunde und moderne Religiosität basiert auf gesichertem Wissen, nicht auf die blosse Befolgung althergebrachter Riten.

6:143 „[…] Tut (es) mir kund auf Grund von (wirklichem) Wissen, wenn ihr wahrhaftig seid!“

Bubenheim und Elyas

6:148 „Diejenigen, die (Ihm) beigesellen, werden sagen: ‚Wenn Gott gewollt hätte, hätten wir (Ihm) nichts beigesellt, und (auch) nicht unsere Väter, und wir hätten nichts verboten.‘ Ebenso haben diejenigen vor ihnen (ihre Gesandten) der Lüge bezichtigt, bis sie Unsere Gewalt kosteten. Sag: Habt ihr (irgendein) Wissen, das ihr uns vorbringen könnt? Ihr folgt ja nur Mutmassungen, und ihr stellt nur Schätzungen an.“

Bubenheim und Elyas

Auch die Offenbarung Gottes basiert auf Wissen, das unserer irdischen Wirklichkeit, dem kitab der Schöpfung, entspricht. Weder enthält sie Angaben, die auf irgendeiner Weise weltfremd wären, noch ist ihr ihre Aktualität besonders in unserer heutigen Zeit abzusprechen. Sie hat das Potential dazu, eine Unterstützung für diejenigen zu sein, die nach der Erkenntnis des kitab der Schöpfung streben.

4:166 „Aber Gott bezeugt, was Er zu dir (als Offenbarung) herabgesandt hat. Er hat es mit Seinem Wissen herabgesandt. Und (auch) die Engel bezeugen es. Und Gott genügt als Zeuge.“

Bubenheim und Elyas

7:52 „Wir haben ihnen ja einen kitab gebracht, das Wir mit Wissen ausführlich dargelegt haben, als Rechtleitung und Barmherzigkeit für Leute, die glauben.“ (kitab hier übersetzbar mit „Buch“)

Bubenheim und Elyas

22:54 „Und damit diejenigen, denen das Wissen gegeben wurde, wissen, dass dies die Wahrheit von deinem Herrn ist, so dass sie daran glauben und ihre Herzen sich dann davor demütigen. Und Gott leitet wahrlich diejenigen, die glauben, zu einem geraden Weg.“

Bubenheim und Elyas

Die grundsätzliche Haltung der Gottergebenen zur Wissenschaft ist derart, dass sie sich zeit ihres Lebens bemühen, voranzuschreiten, indem sie in allen Bereichen des Lebens dazu lernen, sich stetig weiterentwickeln und dadurch ihre Selbstverwirklichung erreichen.

20:114 „[…] Und sag: Mein Herr, lasse mich an Wissen zunehmen.“

Bubenheim und Elyas

Gleichzeitig müssen wir uns vor Augen halten, dass wir trotz allen Fortschritts wenig wissen und einer überheblichen Haltung stets fernbleiben sollten. Auch wenn wir bis heute viele bahnbrechende wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen konnten, die unseren hohen Lebensstandard ermöglichen, so sind diese immer noch Fragmente des kitab der Schöpfung, welchen Gott im Schöpfungsakt ins Leben rief und dessen tieferliegenden Zusammenhänge bis heute noch nicht vollständig entschlüsselt sind.

49:16 „Sag: Wollt ihr Gott über eure Lebensordnung11 belehren, wo Gott weiss, was in den Himmeln und was auf der Erde ist? Und Gott weiss über alles Bescheid.“

eigene Übersetzung

Besonders deutlich wird dies, wenn wir uns den Aspekt der Menschenwürde vor Augen führen. Denn wie es Prof. Dietmar von der Pfordten der Georg-August-Universität treffend formulierte:

„Die Menschenwürde lässt sich mit einem Läufer vergleichen, der zwar als letzter gestartet ist, dann aber alle anderen Läufer überholt hat. Zuletzt ins Bewusstsein getreten und im Recht verankert, hat sich die Menschenwürde mittlerweile vor alle Menschenrechte geschoben. Sie ist zum obersten Gebot der Moral sowie vieler Verfassungen und internationaler Vereinbarungen geworden.“

Aus dem Vorwort des Buchs «Menschenwürde», Prof. Dietmar von der Pfordten

So ist auch in diesem Kontext folgender Vers zu verstehen:

2:30 „Und als dein Herr zu den Engeln sagte: Ich werde auf der Erde einen Nachfolger hinterlassen, sagten sie: Lässt du darauf solch einen, der Verderben stiftet und Blut vergiesst, wo wir dich mit Lob preisen und dich heiligen. Er sagte: Ich weiss, was ihr nicht wisst.“

Hanif

Der Mensch durchläuft in dieser Welt einen Lernprozess, in dem er sich selbst kennenlernt und seinen eigenen Verantwortungsbereich erkennt. Er erreicht durch immerwährendes Lernen eine Stellung, die ihm die Verwirklichung dessen ermöglicht, was vollkommen seiner Natur entspricht: ein menschenwürdiges Leben in Freiheit und Sicherheit. Die Voraussetzungen, die hierfür notwendig sind, sind im Menschen selbst verankert: die Willens- und Entscheidungsfreiheit, die Selbstbestimmung und die Lernfähigkeit. Letztere ist möglich durch sein Hilfsmittel, dem qalam. Dadurch gelangen wir wieder zum Anfang des Artikels, als wir mit dem ersten Offenbarungsabschnitt begonnen haben, der Mohammed eingegeben wurde und den Beginn seiner Prophetie markierte. Die erste Aufgabe, die ihm aufgetragen wurde, hiess nicht „bete“, sodass man der Gottergebenheit Formanbeterei hätte unterstellen können. Sie lautete schlicht und einfach „lerne“!

96:1-5 „Lerne im Namen deines Herrn, der erschuf – erschuf den Menschen aus einem Embryo. Lerne! Und dein Herr ist der Edelste, Der durch die Fähigkeit zur Identifizierung lehrte – lehrte den Menschen, was dieser nicht wusste.“

eigene Übersetzung

Fussnoten:

1 Eine Höhle in einem Berg nordöstlich von Mekka, in welcher der Prophet Mohammed viele Andachtsübungen abhielt, bevor er die ersten Verse eingegeben erhielt.

2 Vgl. auch den ersten Artikel «Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied».

3 Sicherlich gibt es auch viele Verse, in denen der Ausdruck al-kitab mit bestimmtem Artikel verwendet wird, doch dazu später mehr.

4 Offenbarung ist in diesem Kontext eine mögliche Übersetzung für al-kitab. Vgl. Fussnote 3.

5 Zum Thema Beigesellung s. auch die vierte und fünfte Episode unseres Podcasts.

6 S. den zweiten Artikel «Du entscheidest!».

7 Koran 2:30

8 Diese Übertragung von qara´a ins Deutsche deckt sich ebenso mit den Angaben in einschlägigen arabischen Lexika, wie dem lisan-ul-arab.

9 s. Diese Übertragung von qalam ins Deutsche deckt sich ebenso mit den Angaben im lisan-ul-arab.

10 Vgl. Fussnote 4 und 3.

11 Arab.: Din, Gegenstand eines späteren Artikels

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