Deutschland/Schweiz, 11. Juli 2020

Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe gedenkt heute zum 25sten Jahrestag des Völkermordes von Srebrenica der mehr als 8000 Opfer. Dieser Tag soll an die bestialischen Taten erinnern, welche am 11. Juli 1995 in Ost-Bosnien gelegenen Stadt verübt wurden. Es ist unsere Pflicht, diese und ähnliche Taten, aufs Schärfste zu verurteilen, uns mit den Opfern wie deren Hinterbliebenen zu solidarisieren und für Gerechtigkeit einzustehen. Aus diesem Grund lautet unser nachdrücklicher Appell an diesem Tag: Die Opfer und Hinterbliebenen dieses Verbrechens dürfen von der breiten Öffentlichkeit nicht vergessen werden. Wir müssen ihres Schicksals fortwährend gedenken!

25 Jahre Srebrenica,
25 Jahre Trauer,
25 Jahre Schmerz,
25 Jahre Ungerechtigkeit,
25 Jahre Hoffnung,
25 Jahre Standhaftigkeit,
25 Jahre …

An diesem Tag jährt sich zum 25. Mal das Massaker an den Bosniaken in Srebrenica. Der Völkermord von Srebrenica – verübt von der Armee der Republika Srpska (Vojska Republike Srpske, VRS), der serbischen Staatspolizei und serbischen Paramilitärs – war die Kulmination eines rassistisch-chauvinistisch sowie antimuslimisch begründeten und rücksichtslos geführten Vernichtungsfeldzuges gegen die nichtserbische Bevölkerung in Bosnien und Herzegowina. 25 Jahre sind seither vergangen, doch die Trauer und der Schmerz sitzen immer noch sehr tief bei den Angehörigen, Freunden und Mitbürgern der Opfer. Vor allem die hinterbliebenen Frauen erleiden noch den unermesslichen Verlust, der ihnen durch die Ermordung ihrer Kinder und Ehemänner widerfahren ist. Heute noch werden die Opfer des Massakers aus Massengräbern in ganz Bosnien exhumiert und finden ihre ewige Ruhe in der Gedenkstätte von Patočari bei Srebrenica. Hunderte gelten bis dato als vermisst oder sind nicht identifiziert.

Es ist der Jahrestag eines Verbrechens, das im Angesicht der gesamten internationalen Öffentlichkeit begangen wurde, inmitten unseres europäischen Kontinents. In einem Europa, das sich nach dem Holocaust geschworen hatte, derartige massive Menschenrechtsverbrechen niemals wieder zuzulassen. Ein Verbrechen, das in einer sogenannten „safe area“ (UN-Schutzzone) in Bosnien begangen wurde. Einer Schutzzone ohne tatsächlichen Schutz. Der 11. Juli 1995 verdeutlicht das Unvermögen, sich zerstörerischen Tendenzen und Mächten rechtzeitig und entschlossen in den Weg zu stellen.

Srebrenica ist ein Mahnmal für die Menschheit: Ein Mahnmal dafür, was Hass, Grausamkeit und Unmenschlichkeit anrichten können, und leider auch ein Mahnmal für menschliches Versagen. Jährlich gedenken etliche Menschen am 11. Juli in Srebrenica und einigen europäischen Städten der bosnischen Opfer, indem sie sich zum «Mars Mira», dem Friedensmarsch zusammenfinden. Auf dem «Weg des Todes» folgen sie den Spuren der Ermordeten.

Wir schreiben dem ständigen Gedenken einen hohen Wert zu. Durch das Erinnern an solche Massenverbrechen soll unsere Achtsamkeit für den Alltag geschult werden, indem wir Diskriminierung und Unterdrückung, in unserer näheren Umgebung und anderswo auf der Welt, die Stirn bieten und gar nicht erst Bedingungen entstehen lassen, die schlimmstenfalls das Entstehen solcher Massenverbrechen begünstigen. Letzteres kann jedoch nicht erreicht werden, wenn allein an solche Ereignisse der Vergangenheit erinnert wird und die heutigen Beziehungen der Konfliktparteien brach liegen gelassen werden. Um Konflikte solchen Ausmaßes dauerhaft zu verhindern, ist Versöhnung zwischen den Konfliktparteien erforderlich. Versöhnung und Frieden zu stiften ist laut Gottes Wort eine Aufgabe der Gottergebenen (vgl. Koran 49:9-10 und 60:7). In solchen Sachverhalten, bei denen sich massenhaft schutzlose Opfer auf der einen und mächtige und grausame Täter auf der anderen Seite gegenüberstanden bzw. -stehen, erscheint Versöhnung heute aber besonders schwer oder gar als ein unerreichbares Ziel. Allerdings bleibt sie die einzige Option, um solche Massenverbrechen zu verhindern und eine friedliche Koexistenz der ehemaligen Konfliktparteien für die Zukunft zu eröffnen.

Selbstverständlich ist es grundsätzlich Aufgabe der Täterseite, den Versöhnungsprozess anzustoßen, um das begangene Unrecht zu sühnen. Für einen gerechten Ausgleich für die Verbrechen von Srebrenica ist es unumgänglich, dass der Staat Serbien, entsprechend des Urteils des Internationalen Strafgerichtshofs für das ehemalige Jugoslawien, das Geschehen offiziell als Völkermord anerkennt. Der serbische Staat soll genau hierfür die Opfer und ihre Angehörigen, die bosnische Bevölkerung und den Staat Bosnien-Herzegowina offiziell und amtlich um Vergebung bitten und eine geeignete Wiedergutmachung – entsprechend der Bedingungen der Opferseite – anbieten. Erst hierdurch wird ein glaubwürdiger und ernstgemeinter Versöhnungswille bezeugt und ein solcher Versöhnungsprozess ermöglicht. Denn trotz aller Ungerechtigkeiten und der tiefsitzenden Narben besteht auch auf bosnischer Seite der Wunsch nach einer besseren Zukunft mit dem serbischen Bevölkerungsteil in Bosnien-Herzegowina und aus dem Nachbarstaat Serbien. Eine Zukunft getragen von gegenseitigem Verständnis, barmherzigem Wohlwollen und einer prosperierenden Entwicklung in sozio-ökonomischer Hinsicht. Wer für eine bessere Zukunft und ein menschlicheres Miteinander eintreten möchte, der muss die Vergangenheit entsprechend bewerten, die Gegenwart nutzen und auf dieser Grundlage eine Zukunft gestalten. In Deutschland wird etwa vorgelebt, dass eine ernstgemeinte aktive Aufarbeitung der Vergangenheit sowie eine lebendige und stetige Erinnerungskultur Voraussetzung dafür sein kann, eine bessere Zukunft für die nachfolgenden Generationen zu gestalten. Erfreulicherweise gibt es auch positive Beispiele aus der Zivilgesellschaft für Versöhnungsbemühungen:

– Der sogenannte bosnische Großmufti Husein Kavazovic bemüht sich etwa um die Anerkennung der begangenen Taten, um den Tätern eine ernstgemeinte Bitte nach Vergebung zu ermöglichen.
– Die Schüler*innen eines Gymnasiums in der bosnischen Stadt Jajce widersetzen sich seit Jahren der von den Behörden gewünschten ethnischen Trennung.
– Die zahlreichen zivilgesellschaftlichen Organisationen, die sich in der Versöhnungsinitiative Recom zusammengeschlossen haben, wollen durch das Erinnern an die Opfer der Balkankriege zu einer gemeinsamen Zukunft finden.
– Das regionale Jugendwerk Ryco treibt mit jungen Mutmacher*innen den gemeinsamen Austausch und die Zusammenarbeit voran.

Dies sind wunderbare Beispiele von bosnischen wie serbischen Menschen, die mit dem schrecklichen Ereignis als auch mit den Traumata des Bosnienkrieges positiv umgehen. Statt sich der Wut hinzugeben und ihrem Zorn freien Lauf zu lassen, üben sie sich in Geduld und versuchen den Schmerz zu verarbeiten, indem sie ihr Heil in der Barmherzigkeit suchen. So wie es Gott den Gläubigen in der Lesung ans Herz legt:

3:133-134 Und eilt zu einer Vergebung von eurem Herrn und einem Garten, dessen Breite die Himmeln und die Erde ist, bereitet für die Achtsamen, diejenigen, die in Freude und Leid abgeben, die die Wut unterdrücken und den Menschen verzeihen. Und Gott liebt die Gütigen.

42:36-37 Und was immer euch zuteil geworden ist, ist Nutznießung des diesseitigen Lebens. Was aber bei Gott ist, ist besser und hat eher Bestand für die, die glauben und auf ihren Herrn vertrauen, die die schweren Sünden und die schändlichen Taten meiden und, wenn sie in Zorn geraten, (lieber) vergeben.

(vgl. auch 2:153, 39:10, 42:43)

Unsere Bittgebete («Duʿāʾ») und Gedanken gelten in diesen Tagen den Opfern und den Hinterbliebenen dieser grausamen Taten. Zudem bitten wir den allbarmherzigen Gott, dass er sich der Verstorbenen erbarmt sowie den Angehörigen Frieden und Geduld zuteilwerden lässt. Auch beten wir um Frieden und Versöhnung und eine bessere Zukunft für die Menschen in Bosnien-Herzegowina, Serbien und auf dem Westbalkan insgesamt. Abschließen möchten wir dieses traurige und wichtige Thema mit ausgewählten Versen der Lesung.

3:169 Und rechne nicht damit, dass diejenigen, die auf dem Wege Gottes getötet wurden, tot seien, vielmehr sind sie bei ihrem Herrn lebendig und versorgt

2:154-156 Und sagt nicht über den, der auf Gottes Weg getötet wird: «Tote». Vielmehr sind sie lebendig, ihr aber spürt es nicht. Und prüfen werden wir euch mit etwas von der Angst und dem Hunger und Verringerung von den Vermögen, dem Selbst und den Früchten. Und verkündige den Geduldigen, die, wenn ein Schicksalsschlag sie traf, sagten: «Wir sind Gottes und zu Ihm kehren wir zurück.»

#StandWithSrebrenica #NeverAgain #RIP #GodIsGreater


0 Kommentare

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .