Das Schweizer Volk wird über das Verhüllungsverbot abstimmen. In Österreich möchte die Regierung Kindern das Tragen von Kopftüchern an Kindergärten und Grundschulen verbieten. Für uns von Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe sind das wirkungsarme Massnahmen. Die gegenwärtigen Diskussionen gehen auf Symptome anstelle von Ursachen ein. Wichtigere Fragen, deren Antworten für eine wirkungsreiche Verbesserung der Situation von Frauen sorgen können, gehen deshalb unter.

Mädchen können bis zu einem bestimmten Alter die Bedeutung des Kopftuchs nicht völlig verstehen. Es kommt auch nicht von alleine zur Ansicht, dass es sexualisiert betrachtet werden könnte und deshalb das Kopftuch notwendig sei. Vielmehr trägt ein Mädchen durch individuelle emotionale, gesellschaftliche und nicht zuletzt religiöse Beeinflussung ein Kopftuch. Das Befürworten von Kopftüchern bei Mädchen führt dazu, dass sie indirekt sexualisiert werden. Diese Sexualisierung ist inakzeptabel. Hier braucht es die von der Lesung («Koran») geforderte selbstkritische Haltung («an-nafs al-lawwāmah») zur persönlichen Weiterentwicklung. Mädchen werden hier zum Spielball in einer Diskussion, die es bei einer selbstkritischen Haltung seitens patriarchal eingestellter Männer nicht geben müsste.

Weder das eine Extrem, Mädchen und Frauen wie im Iran zur Verschleierung zu verpflichten, noch das andere, ihnen dasselbige zu verbieten, sind ein Zeichen für eine freiheitliche, aufgeklärte Gesellschaft. Der wirksame Schutz der Kinder erfolgt dadurch, dass wir sie zum kritischen Denken erziehen, damit sie von selbst auf die richtigen Gedanken kommen.

Eine voll verschleierte Frau mag in unseren Gesellschaften als unterdrückt gelten; eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit ist sie allein deshalb nicht. Es gibt Frauen, die sich aus Überzeugung verschleiern. Deshalb wäre es vermessen, anzunehmen, dass ein Verhüllungsverbot Frauen aus den Zwängen des Fundamentalismus befreit. Vielmehr bliebe ihnen nichts anderes übrig, als zu Hause eingesperrt zu leben oder gegen Gesetze zu verstossen. Die Initiative übermittelt damit zwar eine symbolische Botschaft, erreicht aber auch das Gegenteil der angestrebten Lösung. Besser wäre es pragmatischere Ansätze zu suchen.

Darüber hinaus ist das Klima der gegenwärtigen Diskussionen nicht förderlich für eine sachliche Auseinandersetzung. Manche Frauen, die sich fürs Kopftuch entscheiden, fühlen sich gesellschaftlich eingeschüchtert und trauen sich nicht, es zu tragen. Dabei gehen auch Aspekte wie der Versuch der Selbstbehauptung gegen Diskriminierungen oder Sexualisierungen unter. Das erschwert jedwede Aufklärungsarbeit für ein ohnehin schon komplexes Thema.

Nichtsdestotrotz ist dieses Thema unserer Meinung nach nicht die wichtigste Angelegenheit, mit der wir uns beschäftigen sollten. Das Kopftuch ist ein unbedeutendes Symptom, wenn man bedenkt, dass es in der Lesung nicht vorgeschrieben wird, wenn man sie genau unter die Lupe nimmt. Die entsprechenden Verse werden je nach Bildung und kultureller Prägung unterschiedlich verstanden. Zudem steht der Charakter eines Menschen laut folgendem Vers im Vordergrund:

7:26 O Kinder Adams, wir sandten Kleidung auf euch herab, dass sie eure Scham verberge, und Schmuck. Aber die Kleidung der Achtsamkeit, die ist besser. Das ist eines von den Zeichen Gottes, auf dass ihr es bedenkt.

Ein wichtigeres Thema wäre die Frage, warum manche, die sich als Muslime bezeichnen, frauenfeindliche Haltungen an den Tag legen, und inwiefern dies «islamisch» legitimiert wird. Die Verschleierungsformen sind nämlich Produkte patriarchaler Gelehrsamkeit und kultureller Entwicklungen.

Ein einseitiger Umgang mit den Quellen und die Vermischung von Zweitquellen mit der Lesung ist als eine der Hauptursachen zu bewerten, die zur deutlichen Verschlechterung der Situation von Frauen führen. Der traditionalistischen Gesinnung, die Frauen als Menschen zweiter Klasse herabwürdigt, muss eine kritische, argumentativ starke und allgemeinverständliche Quellenanalyse entgegnet werden. Damit Kultur und Religion voneinander getrennt und Missverhältnisse verbannt werden können, ist eine ‹islamische› Bildung für Kinder und Jugendliche nötig, damit sie eine unabhängige, kritische Auseinandersetzung mit den Quellen erlernen.

Wie kam es dazu, dass diese Zweitquellen kulturell, politisch und religiös missbraucht werden konnten? Welche konkreten Quellen kamen als eine Neuerung oder Tradition ins religiöse Bewusstsein vor allem von Männern? Wieso kam es dazu, dass etwas ausserhalb der Gottergebenheit von den Gläubigen selbst als Bestandteil der Gottergebenheit behandelt und gar dem Propheten angedichtet wird? Wie hilft uns die Lesung («Koran») dabei, die Situation der Frauen zu verbessern?

All diese Fragen diskutieren wir offen und allgemeinverständlich auf unseren verschiedenen Kanälen, in Workshops, Vorträgen und Diskussionsrunden, auch in Moscheen, und verweisen dabei auf unsere eigenen Arbeiten wie auch auf jene von Frauen wie Asma Barlas oder Amina Wadud. Beide gelangten mit ihren Arbeiten zur Ansicht, dass Geschlechtergerechtigkeit in der Lesung verwurzelt ist. Hier werden auf der Lesung aufbauende Ansätze für eine feminin motivierte Befreiungstheologie geliefert, wodurch eine Gottergebene («Muslimin») aus patriarchalischen Strukturen theologisch begründet ausbrechen kann. In anderen Worten kann der Islamismus mit dem Islam selbst verdrängt werden. Wir sind auch weiterhin bereit, in diesem Bereich Aufklärungsarbeit zu leisten.

Wenn wir Missstände korrigieren wollen, sollten wir uns vor allem als Gottergebene friedlich, selbstkritisch und konstruktiv mit den Ursachen anstelle von Symptomen beschäftigen. Mit oberflächlich wirkenden Verboten ist niemandem geholfen.

Diese Medienmitteilung ist auch als PDF verfügbar.


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