Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe verurteilt entschieden und aufs schärfste die niederträchtigen und tödlichen Terroranschläge in Frankreich und trauert mit den Angehörigen, Freunden und der französischen Gesellschaft.

Frankreich wurde in den letzten Tagen von mehreren schrecklichen Verbrechen heimgesucht: Zu Beginn des Gerichtsverfahrens anlässlich des Terroranschlags auf Charlie Hebdo hat der 25-jährige Zaheer Hassan M. Anfang September dieses Jahres vor dem ehemaligen Redaktionsgebäude der Satirezeitschrift zwei Menschen mit einem Hackebeil schwer verletzt. Am vergangenen Freitag dann, dem 16.10.2020, enthauptete ein 18-jähriger in Conflans-Sainte-Honorine einen Geschichtslehrer auf offener Strasse. Beide Terroranschläge stehen im Zusammenhang mit den Mohammed-Karikaturen, also Zeichnungen, mit denen die Redaktion von Charlie Hebdo den Propheten Mohammed karikierte. Dem Terroranschlag auf den 47-jährigen Lehrer Samuel Paty ging eine Unterrichtsstunde voraus, in der dieser zwei Mohammed-Karikaturen im Rahmen einer Diskussion über die Meinungsfreiheit als Veranschaulichungsmaterial verwendete. Samuel Paty wusste, dass dies einige Muslime unter seinen Schülern berühren konnte, sodass er diesen ihre Freiheit liess wegzuschauen oder kurz das Klassenzimmer zu verlassen. Gleichwohl verbreitete sich bei manchen Eltern und im Internet das Gerücht, der Lehrer sei islamophob und rassistisch. Abdullah Anzorov, nicht einmal Schüler des besagten Lehrers bzw. der Schule und wohl in den sozialen Medien durch eine falsche Version über die Unterrichtsstunde in Kenntnis gesetzt, sah sich hierdurch veranlasst, die seiner Ansicht nach herabwürdigende Darstellung mit der Ermordung von Samuel Paty zu rächen.

Die benannten Geschehnisse reihen sich ein in einen grösseren Verbrechenskontext, in dem Menschen in aller Welt mit vermeintlich islamischem Glauben Gewaltakte, Brandstiftungen und Morde wegen angeblicher Herabwürdigung des Korans oder des Propheten Muhammad mit dem Verweis auf das islamische Recht und die islamischen Überlieferungen rechtfertigen (vgl. hierzu die Berichte der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte).

Die benannten Verbrechen in Frankreich und weitere mehr geben uns Anlass, diese mit entschiedenem Widerstand als verwerfliche Terroranschläge und Verbrechen gegen Leib und Leben Unschuldiger zu verurteilen, welche durch nichts gerechtfertigt sind. Sie geben uns auch Anlass, unsere Wertschätzung des menschlichen Lebens und der Meinungsfreiheit zu bekunden, indem wir nachweisen, dass diese aus islamischer (deutsch: gottergebener) Sicht als überragende Güter geachtet und geschützt werden. Insbesondere der Koran (deutsch: Lesung) schützt  – wie wir unten zeigen – sogar die Freiheit zu blasphemischen Aussagen und Darstellungen und rechtfertigt auf gar keinen Fall irgendwie geartete Gewalttaten gegen Menschen, die in solcher Form von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch machen. In Extremfällen, etwa wenn der öffentliche Frieden durch solche Meinungsbekundungen gefährdet wird, sind allein die Strafverfolgungsbehörden und Gerichte zuständig, um zu ermitteln bzw. zu urteilen, ob Straftatbestände erfüllt sind oder nicht (in Deutschland etwa § 166 StGB, in der Schweiz etwa Art. 261 StGB). Einen Straftatbestand der Blasphemie gibt es im säkular freiheitlich-demokratischen Rechtsstaat aber nicht und findet auch im Koran keinen Niederschlag. Auch für die Gläubigen besteht allein die Freiheit zur Gegendarstellung und nicht mehr. Auch mit der Frage über das Verhältnis der Muslime (deutsch: Gottergebene) zu Andersgläubigen haben wir uns hier ausführlich auseinander gesetzt.

Wir verweisen – mit Erläuterungen – auf folgende Verse, die u.a. den hohen Rang des menschlichen Lebens, der Meinungsfreiheit und des zwischenmenschlichen Friedens bezeugen:

– Vers 5:32 des Korans drückt den unverletzlichen Wert menschlichen Lebens aus:

„(…) und wer einen Menschen tötet, so sei es als habe er die komplette Menschheit getötet, rettet jemand ein Menschenleben, so sei es als habe er die komplette Menschheit gerettet (…)“

– Vers 28:54 verlangt auch z.B. blasphemischen und verletzenden Äusserungen mit friedlichen Reaktionen zu begegnen:

„Und sie wehren das Böse mit dem Guten ab.“

– Vers 4:140 gibt den Gläubigen bei blasphemischen Äusserungen durch ihre Mitmenschen allein das Gebot an die Hand zum Protest sich räumlich zu entfernen und zurückzukehren zum Dialog, sobald die blasphemischen Äusserungen aufhören:

„Und er sandte auf euch bereits in der Schrift herab: Wenn ihr hörtet, dass die Zeichen Gottes abgeleugnet und verspottet werden, dann sitzt nicht mit ihnen, bis sie über eine andere Erzählung schwatzen. Ihr wärt sonst gewiss gleich wie sie. Gewiss, Gott wird die Heuchler und die Ableugner allesamt in der Hölle versammeln.“

– Vers 6:108 hält die Gläubigen dazu an, den Glauben anderer Mitmenschen nicht zu verschmähen, denn Gott obliegt die alleinige Abrechnung:

„Ihr sollt diejenigen, die andere ausser Gott rufen, nicht beschimpfen, sonst beschimpfen sie Gott, ohne Wissen, aus Feindseligkeit. Nur so haben wir jedem Volk sein Tun geschmückt, letztendlich kommen sie alle zu Gott zurück, dann sagt Er ihnen, was sie getan haben.“

– Vers 5:57 ermahnt Gläubige allein zur sozialen Distanz gegenüber sich blasphemisch äussernden Menschen:

„O ihr, die ihr glaubt, nehmt euch aus den Reihen derer, denen das Buch vor euch zugekommen ist, nicht diejenigen, die eure Religion zum Gegenstand von Spott und Spiel nehmen, und auch nicht die Ableugnenden zu Verbündeten. Und fürchtet Gott, so ihr gläubig seid.“

– Vers 7:51 und 7:180 zeigen, dass das Abrechnen mit jenen, die den Glauben u.a. zum Gegenstand von Blasphemie nehmen, allein Gott am Jüngsten Tag gebührt:

„Die ihre Religion zum Gegenstand von Zerstreuung und Spiel genommen haben und die das diesseitige Leben betört hat.» Heute werden Wir sie vergessen, wie sie die Begegnung mit diesem ihrem Tag vergaßen und wie sie unsere Zeichen zu leugnen pflegten.“

„Gott gehören die schönsten Namen. So ruft Ihn damit an und laßt die stehen, die über seine Namen abwegig denken. Ihnen wird vergolten für das, was sie taten.“

– Vers 6:137 und 2:256 ermahnen die Gläubigen, jene Menschen, die vom islamischen Glaubenssystem abweichen, sich selbst zu überlassen und keinen Zwang über sie auszuüben:

„(…) so überlasse sie sich selbst mit dem, was sie erdichten.“

„kein Erzwingen in der Lebensordnung.“

In diesem Sinne bitten wir Gott, den Allmächtigen und Barmherzigen, dass er uns Kraft zur Geduld und Toleranz gegenüber der Meinung unserer Mitmenschen gibt. Eine Geduld und eine Toleranz, welche wir als Gottergebene aufgrund der Glaubensfreiheit ebenso von unseren Mitmenschen verlangen.

Gottes Segen wie Frieden seien mit Ihnen!


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