Al-Rahman – mit Vernunft und Hingabe gedenkt in diesen Tagen sowohl unserer über 2.1 Millionen Mitmenschen, die weltweit im ersten Jahr im Zusammenhang mit dem Corona-Virus verstorben sind, als auch all dem Leid und der Mühe, welches damit in Verbindung steht.

Am 31.12.2019 wurde in der chinesischen Millionenmetropole Wuhan erstmals eine mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) infizierte Person entdeckt. Vor knapp einem Jahr starb am 15.02.2020 ein 80-jähriger Tourist aus China in Paris und damit die erste Person in Europa und außerhalb Asiens im Zusammenhang mit dem Coronavirus. Seither gab es weltweit über 2.1 Millionen Tote. Hinter dieser Zahl stecken Menschen, die mitten aus dem Leben gerissen und ihrem Umfeld entrissen worden.

Wir nehmen uns für all diese Mitmenschen Zeit und trauern mit ihren Familienangehörigen, Freund:innen und Bekannten. Wir trauern vor allem auch mit den unter aussergewöhnlicher Belastung und mit Herzblut arbeitenden Ärzt:innen und Pflegefachpersonen. In vielen Fällen waren sie die letzten Begleiter:innen der einsam Verstorbenen. Ihnen und zahlreichen anderen, die unser tägliches Leben in einem aussergewöhnlichen Jahr am Laufen hielten und es weiter tun, gebührt unser herzlicher Dank und unsere Anerkennung. Wir leiden mit den fast 100 Millionen Infizierten weltweit, die – ausgenommen Langzeitfolgen – einen einfachen oder schwierigen Weg zurück in ein gesundes Leben gehen mussten.

Gleichzeitig widmen wir unsere Aufmerksamkeit auch allen von den zahlreichen Lockdowns betroffenen Unternehmer:innen, Selbstständigen, Freiberufler:innen und Arbeitnehmer:innen, die um ihre berufliche Existenz bangen, diese schlimmstenfalls schon verloren haben und verzweifelt sind angesichts ausstehender Rechnungen, Lebensunterhaltskosten sowie verlorener Lebensperspektiven. Am stärksten vom Jobverlust betroffen: Frauen und jüngere Mitmenschen. Wir fühlen mit den Kindern und Jugendlichen, denen das Lernen und denen der soziale Kontakt zu ihren Mitschüler:innen vielerorts unmöglich geworden ist. Ein Alter, in dem die soziale Distanz sich besonders negativ auf die sozial-emotionale Entwicklung auswirken kann. Wir sind besorgt über die besonders marginalisierten Personengruppen wie etwa den Obdachlosen, die selbst oft zur Risikogruppe gehören, aber nicht über einen geeigneten Rückzugsort verfügen. Zur erstgenannten Personengruppe gehören auch alleinerziehende Frauen, gestresst durch den Versuch Arbeit und Kindererziehung unter einen Hut zu bekommen. Wir sind entsetzt, dass die Coronakrise die ohnehin bestehende soziale Ungleichheit in vielen Gesellschaften weltweit verstärkt. Zu all der Erschwernis kommt schliesslich eine vergiftete Debattenkultur, die den Rahmen einer respektvollen Diskussion über das Virus sowie die Eindämmungsmassnahmen bei Weitem verlassen hat und geprägt ist von mangelnder Einfühlungsbereitschaft, überbordender gegenseitiger Wut und dem Einigeln in der eigenen Anschauung.

All diese Phänomene haben das Potential unsere Gesellschaften zu zerreissen. Wir wollen das auf keinen Fall zulassen! Deshalb warnen wir eindringlich davor autoritären und antidemokratischen Strömungen und Vertreter:innen hinterher zu rennen, die eben jenes Spaltungspotential zu ihren Gunsten ausnutzen, einfache Scheinlösungen präsentieren bzw. keine ernstgemeinten Lösungen erarbeiten wollen.

Wir wollen stattdessen den Weg der Vernunft und der Hoffnung nehmen. Dass wir die Hoffnung nicht verlieren, liegt auch an den zahlreichen Lichtblicken in diesem Krisenjahr: Sachliche wie emphatische Diskussionen über Virus und Eindämmungsmassnahmen, Rückbesinnung auf das Wesentliche im Leben, nachbarliche Unterstützungen, gestärkte Gemeinschaftsbeziehungen, internationale Solidarität (vgl. COVAX-Initiative für weltweite Impfgerechtigkeit) uvm.

Wir schliessen dieses Schreiben mit einigen ermunternden Versen aus dem Koran, die uns dazu anhalten trotz Leid und Erschwernis die Hoffnung nicht aufzugeben und weiterhin eine redliche Debattenkultur zu pflegen:

Und prüfen werden wir euch mit etwas von der Angst und dem Hunger und Verringerung von den Vermögen, dem Selbst und den Früchten. Und verkündige den Geduldigen, die, wenn ein Schicksalsschlag sie traf, sagten: Wir sind Gottes und zu Ihm kehren wir zurück. Auf jenen sind Kontakte von ihrem Herrn und Barmherzigkeit und jene sind die Rechtgeleiteten.

2:155 ff.

Wenn euch eine Niedergeschlagenheit erfasst, so erfasste das Volk eine gleiche Niedergeschlagenheit. Und solche Tage lassen wir unter den Menschen kreisen, damit Gott diejenigen, die glaubten, kenntlich macht und sich von euch Zeugen nimmt. Und Gott liebt nicht die Ungerechten. Und damit Gott denjenigen, die glaubten, herausstellt und die Ableugner beseitigt. Oder habt ihr damit gerechnet, dass ihr den Garten betretet, noch ehe Gott diejenigen von euch, die sich bemühten, kenntlich macht, und die Geduldigen kenntlich macht.

3:140 ff.

Die allem zuhören, was gesagt wird und nur dem Besten folgen: Das sind die von Gott Rechtgeleiteten, und sie sind es, die Verstand haben.

39:18

Hoch über allem ist Gott, Der König, die Wahrheit.

20:114

Wir bitten unseren allmächtigen Herren, uns Geduld und Barmherzigkeit im Miteinander nahezulegen und uns Kraft zu schenken, um all die Erschwernis klug und besonnen zu bewältigen, bis uns Erleichterung zuteilwird!

Frieden sei mit Ihnen!


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